Jüdische Kultur auf Hebräisch

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Leo Frank (1908–1944): vom Zionisten zum Sozialisten


Obwohl die sozialen Gegensätze in der jüdischen Gemeinschaft von Groningen wuchsen, übte der Sozialismus nur wenig Anziehungskraft aus.

Die Tuinstraat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Tuinstraat noch eine der ärmlichsten Straßen in Groningen.
(Foto: RHC GrA Tg 1785 invnr. 18942)
Leo Frank wird am 4. Februar 1908 in einer armen, jüdischen Familie in der Tuinstraat (Nummer 46) in Groningen geboren. Er bekommt den Namen Eliazer, aber man nennt ihn schon bald Leo. Vater Elkan Frank (1881–1942) betreibt ein Geschäft mit Ofenrohren und Alteisen und besitzt eine Handkarre, in der er seine Handelsware sammelt und zum Markt fährt. Leo begleitet ihn regelmäßig auf seinen Fahrten. Leo besucht die Städtische HBS (vergleichbar dem Gymnasium) im Groninger Viertel Helpman und macht 1925 das Abitur. Er strebt kein weiteres Studium an. Er ist fasziniert vom zionistischen Ideal und es hat den Anschein, dass er sich in Palästina niederlassen will.

Nach seinem Examen arbeitet er einige Zeit als Bauernknecht, um auf diese Art und Weise das Leben eines Bauern kennenzulernen. Der zukünftige jüdische Staat braucht ja vor allem Landwirte, die das Land kultivieren. Seinen ersten Aufenthalt außer Hause verbringt er auf einem Bauernhof in Diepenveen. Das Leben fällt ihm schwer, so dass er einem guten Freund schreibt: "Das Leben hier auf einem Bauernhof in Overijssel ist ein sehr idyllisches Mistleben […] Gestern Nachmittag war ich, als es eiskalt war, dabei, Rüben zu ernten. Auf einmal dachte ich: Verdammt. Ich arbeite mich hier halbtot, während ich es mir in Groningen gemütlich machen könnte." Aber er vergisst trotzdem nicht, wofür er diese Entbehrungen durchsteht und schreibt: "Wenn ich Dich, Jerusalem, vergesse, so lass' meine rechte Hand verdorren."
Leo Frank als Schüler, rechts unten Leo Frank (rechts unten) als Schüler am städtischen Gymnasium am Helperbrink in Groningen.
(Foto: Privatbesitz)

Kommunistische Grundlage


Nach einigen Wochen ist für Leo der Bauernhof erledigt. Er reist nach Georgsthal (Deutschland), wo die zionistische Jugendföderation Blau-Weiß eine Siedlung auf kommunistischer Grundlage betrieb. Am 24. Juni 1925 schreibt er: "Am letzten Sonntag sind wir alle zu einem sozialistischen Treffen in Hohenstein gegangen. Dorthin marschiert mit Begleitung von Mandolinen: 'Wacht auf, Verdammte dieser Erde … die Internationale erkämpft das Menschenrecht.'" Auch hier bleibt er nicht lange. Einige Monate später kommt er, im November 1926, in der Provence an. Wahrscheinlich wollte er von Marseille aus die Überfahrt nach Palästina wagen.

In der französischen Hafenstadt kommen ihm die ersten Zweifel am zionistischen Ideal. Er fühlt sich von seinen Arbeitgebern ausgebeutet und zweifelt am Sinn des Unternehmens. "Ich erlebe heute oft Augenblicke, wie am Montag in Marseille, dass ich denke: zur Hölle mit dem ganzen Kram; Sozialismus, Zionismus, Altruismus und so weiter, und so weiter. Ich gehe an einen Ort, wo ich mich am schnellsten reich stehlen kann, denn Geld ist doch die Sache, um die sich alles dreht." 1927 betrachtet er sein ausländisches Abenteuer als beendet und kehrt in die Niederlande zurück. Seine zionistischen Sympathien gehören ab jetzt der Vergangenheit an.
Portrait von Leo Frank als Student Portrait von Leo Frank als Student.
(Foto: Privatbesitz)

Jura, Philosophie und Ökonomie


Zurück in Groningen beginnt Leo Frank mit dem Jurastudium. Außerdem besucht er die Fächer Philosophie und Ökonomie. Sein Studium wird durch verschiedene Geldgeber ermöglicht – eine kinderlose Tante, das jüdische "Nut" (eine gemeinnützige jüdische Stiftung) sowie Staats- und Universitätszuschüsse. Da er sich inzwischen für den Sozialismus statt für den Zionismus entschieden hat, wird er kein Mitglied der NZSO, der Niederländischen Zionistischen Studenten Organisation, wohl aber des Verbandes der Sozialdemokratischen Studentenvereine. Leo wird immer radikaler; 1932 kehrt er der Sozialdemokratie den Rücken, und schließt sich der gerade gegründeten und radikaleren "Onafhankelijke Socialistische Partij" (Unabhängige Sozialistische Partei) an. Diese Partei ist weniger konformistisch und weist unablässig auf die Gefahr von Faschismus und Nationalsozialismus hin.

Im Juli 1942 kommt Frank mit ungefähr 600 anderen jüdischen Männern aus Groningen in das Arbeitslager "Het Wijde Gat" bei Staphorst. Es gelingt ihm zu entkommen und er wandert mit einem gefälschten Personalausweis von einer zur anderen "Untertauchadresse". Er schließt sich dem Widerstand an und beteiligt sich sehr wahrscheinlich an einem Überfall auf ein Landgut bei St. Michielsgestel. Nach später durchgeführten Ermittlungen wird Frank verhaftet und inhaftiert. Am 10. Dezember 1943 wird er nach Westerbork gebracht. Von hier führt seine letzte Reise am 3. März 1944 nach Auschwitz. Bei seiner Ankunft wird er sofort ermordet.