Jüdische Kultur auf Hebräisch

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"Beim Schulrat" – antisemitische Ausgrenzung


Nach Abschluss seines Studiums bemühte sich Jakob Loewenberg um eine Anstellung im öffentlichen Schuldienst.

Doch trotz seines nachgewiesenen qualifizierten Ausbildungsweges wurde ihm aus fadenscheinigen bürokratischen Gründen die Zulassung zum höheren Schulamt und zum Staatsdienst verweigert.

Die wahren Gründe der Verweigerung waren jedoch in der immer noch geltenden Praxis zu finden, jüdische Bewerber von Karrieren im Justizdienst und ebenso im Schuldienst wie an den Universitäten auszuschließen.

In seinem Roman "Aus zwei Quellen" erzählt Loewenberg in dem Kapitel "Beim Schulrat" von einem Gespräch, das der visitierende Schulrat mit dem jüdischen Lehrer Moses Lennhausen führt, der an einem "christlichen Realgymnasium" unterrichtet. Die Fächer Lennhausens sind Deutsch und Geschichte, "Gesinnungsfächer", wie der Schulrat bemerkt, um anschließend hinzuzufügen, als intelligenter Mensch müsse er doch einsehen, "dass es eigentlich ein Unding ist, dass ein jüdischer Lehrer christlichen Kindern Geschichte vortragen soll", die für den Schulrat die Geschichte des Christentums ist.

"Aus zwei Quellen"


Und schließlich: "Deutscher und Jude lässt sich doch wohl schwer einigen." Die Antwort des Lehrers ist der Kommentar zum Titel des Romans; er versucht zu beweisen, dass es durchaus eine Einigung gibt: "Ein Westfalenkind ballt auch die Faust, wenn es hört, was seinen Ahnen von Karl dem Großen angetan wurde, ist stolz auf seine Stammesgeschichte und freut sich doch wiederum des großen Fürsten, fühlt sich doch ganz als Deutscher. Auch der Bach, der aus zwei Quellen strömt, eint sein Wasser geruhig dem großen Meere."

Der Schulrat bleibt indessen der Meinung, dass ein Jude keine christlichen Kinder unterrichten könne, es sei denn, er konvertiere. Unter dieser Bedingung könne er bleiben. Lennhausen ist außer sich, fühlt sich beleidigt: "Sie mussten gemein von mir denken, um eine Gemeinheit von mir zu erwarten", sagt er empört. "Ein Hundsfott stände ich hier, wäre ich Ihrer Lockung gefolgt." Der Schulrat, nicht weniger erregt, entlässt Lennhausen auf der Stelle. "Nun ist alles verloren", stellt der Direktor daraufhin enttäuscht fest. "Alles, Herr Direktor, hab ich vielleicht verloren", entgegnet Lennhausen, "alles, nur mich selber nicht."

(Eine Lesung dieser Passage findet man auf der Internetseite "Jüdische Literatur in Westfalen".)

Juden als Kollegen nicht erwünscht


Zehn Jahre vor der Veröffentlichung des Romans notiert Loewenberg am 13. Juli 1892 folgende Begebenheit: "B. hat an der Schule eine Probelektion gegeben und ist doch nicht engagiert worden. (...) Es ist zu schrecklich, es zu denken ... Aber es sind doch Kollegen gekommen und haben den Direktor gebeten, keinen jüdischen Kollegen anzustellen. Sechs Jahre an der Schule gearbeitet mit redlichem Willen, mit eisernem Fleiß – den Kollegen gegenüber gefällig, zuvorkommend und wieder zurückhaltend gewesen – sie müssten mich für das Ideal eines Lehrers halten – und doch Jude. Jude ist der einzige Gegengruß, den man in ihrer Brust geweckt."

Loewenberg beginnt mit der Geschichte des Kollegen B. – und landet offensichtlich bei sich selbst, bei der eigenen bitteren Erfahrung. Es ist zu verstehen, dass manche den Druck nicht ausgehalten haben und "übergetreten" sind.

Das Problem dieses Anpassungsdrucks griff Loewenberg später auch in seinem literarischen Werk wieder auf.