Jüdische Kultur auf Hebräisch

Jüdisches Leben in Europa jenseits der Metropolen

Logo des EU-Rahmenprogramms zur Kulturförderung "Kultur 2000"
Logo des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
Westfalen
Groningen
Lublin

Kontakt aufnehmen Kontakt |  Zeitleiste mit geschichtlichen Überblick Zeitleiste |  Glossar Glossar |  Literaturtipps Literatur |  Weiterführende Links Links | Filmdokumente des Projektes Film | Tondokumente des ProjektesTon |  Hilfe Hilfe |  Seite auf deutsch D  |  Seite auf niederländisch NL  |  Seite auf polnisch PL  | 

  Sie sind hier: Home


Blüte und Niedergang der Kleidungsindustrie in Groningen


Die Firma Van Dam hatte um 1910 die Läden verkauft und konzentrierte sich ganz auf Konfektion en gros.

Bauzeichnung des Hauses der Familie Van Dam am Rademarkt in Groningen Bauzeichnung des Hauses der Familie Van Dam am Rademarkt in Groningen.
(RHC GrA Tg 1848 invnr. 10/2985)
Das heißt, dass die Firma Werkstätten für die Herstellung von Kleidern einrichtete, die in den ganzen Niederlanden an den Einzelhandel verkauft wurden. Dies bedeutete eine erfolgreiche Umstellung. Regelmäßig musste der Betrieb um neue Häuser erweitert werden. Aber auch die Ergebnisse zeigten ein erhebliches Wachstum.

Der Erste Weltkrieg bedeutete für die Kleidungsindustrie eine goldene Zeit. Die Konkurrenten Deutschland und England führten Krieg und verlegten sich ganz auf die Kriegsindustrie. Die Herstellung von Kleidern kam in diesen Ländern an zweiter Stelle. Das bedeutete sogar, dass die Kleidungsindustrie aus Groningen in diese Länder exportierte. Die soziale Position der Arbeitnehmer nahm ebenfalls einen günstigen Verlauf. Der Lohn der Schneider verdreifachte sich, der 8-Stunden-Tag und sogar der arbeitsfreie Samstag wurden eingeführt.

Bessere Qualität


Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete nicht das Ende des Wohlstandes. Durch den Wohlstand, den der Krieg den Niederlanden gebracht hatte, hatten sich die Kunden an Produkte besserer Qualität gewöhnt. Und man konnte und wollte für Qualität zahlen.

Die Hersteller stellten sich darauf ein, indem sie das Niveau des Personals verbesserten und in neue Maschinen investierten. Durch diese neuen Maschinen konnten die Produktionskosten auch niedrig gehalten und die Gewinne gesteigert werden.
Luftaufnahme der Fabrik am Achterweg Luftaufnahme der Fabrik der Familie Van Dam, circa 1951.
(Foto: Muntinga / RHC GrA Tg 1785 invnr. 20170)

Umwandlung in eine Aktiengesellschaft


In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erfuhr der Betrieb wieder eine Änderung. Die Rechtsform wurde von einem Familienbetrieb in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Risiken waren zu groß geworden, um sie allein zu tragen. Außerdem eröffnete die "N.V. Herenkledingfabriek v/h de Wed. N.A. van Dam" (Herrenbekleidungsfabrik AG ehemals Witwe N.A. van Dam) 1936 am Achterweg in Groningen eine neue Fabrik.

Inzwischen waren in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Und 1940 marschierten sie in die Niederlande ein. Der Betrieb von Van Dam konnte zunächst noch die Produktion normal fortsetzen, aber schon bald gab es Regelungen, die dies unmöglich machten. Im Sommer 1942 wurden alle jüdischen Betriebe "arisiert". Alle jüdischen Arbeitnehmer der N.V. Van Dam wurden entlassen und der Betrieb wurde von einem so genannten Verwalter übernommen.
Einrichtung einer Konfektionsfabrik in Groningen Einrichtung einer Konfektionsfabrik in Groningen.
(Foto: RHC GrA Tg 818 invnr. 1-c6-21)

Im Dienst der Kriegsindustrie


Die Produktion wurde in den Dienst der deutschen Kriegsindustrie gestellt, und Armeemäntel kamen an die Stelle von eleganter Kleidung. Arnold van Dam, dem letzten jüdischen Direktor, gelang es unterzutauchen und er überlebte den Krieg. Nach dem Krieg versuchte er, den heruntergekommenen Betrieb wieder aufzubauen. Er starb 1950 und sein Nachbar Arnold van den Berg wurde zum Geschäftsführer ernannt. Ihm gelang es, die Firma noch einigermaßen aufrechtzuerhalten, aber 1973 war es vorbei.

Wenn wir die Eröffnung des Trödlerladens am Carolieweg im Jahre 1802 als den Anfang der Firma betrachten, so schloss sich nach etwas mehr als 170 Jahren der Vorhang. Steigende Lohnkosten, zunehmende Konkurrenz von Niedriglohnländern sowie unter dem Preisdruck von Ladenketten konnte die Firma Van Dam nicht mehr überleben. Es ist die Ironie der Geschichte, dass zwei der Elemente, die zu ihrem Niedergang führten, Preisdruck und Niedriglöhne, die Firma Van Dam von einst einigen Bekleidungsgeschäften zu einem gewinnträchtigen Betrieb hatten wachsen lassen.